Gault-Millau WeinGuide Deutschland 2009

Veröffentlicht am 7. Dezember 2008 in der Rubrik »Rezension«

Was waren das noch Zeiten, als Deutschlands Weinfreunde jedes Jahr Anfang Dezember dem Erscheinen der neuesten Ausgabe des Gault-Millau WeinGuide Deutschland entgegenfieberten! Damals, so viel dürfte klar sein, spielte das Internet noch keine oder nur eine untergeordnete Rolle und stand daher dem Weinfreund kaum als brauch- und berechenbare Informationsquelle zur Verfügung. Mangels der Möglichkeit, verschiedene Bewertungen miteinander zu vergleichen, kam dem frühen Gault-Millau WeinGuide aufgrund seiner Monopolstellung durchaus eine besondere Bedeutung in der deutschen Weinszene zu, von der er heute noch zu zehren scheint, und dies, obwohl seine Zeit — wie die fast aller Printmedien — eigentlich längst abgelaufen ist.

Folgerichtig fiel in diesen Tagen die mediale Resonanz auf das Erscheinen der 2009er Ausgabe deutlich geringer aus, als noch vor wenigen Jahren. Auszeichnungen zum »Aufsteiger des Jahres« oder für besonders gelungene Jahrgangskollektionen sind inzwischen in der Weinszene so zahlreich geworden, dass sie von der überwältigenden (und überwältigten) Mehrheit der Weintrinker nur noch beiläufig zur Kenntnis genommen werden und eigentlich — sieht man von den dekorierten Winzern einmal ab — kaum mehr jemanden interessieren.

Verschärfend kommt hinzu, dass der Gault-Millau WeinGuide in seiner mehr als fünfzehnjährigen Geschichte immer wieder heftiger, oft genug aber auch berechtigter Kritik von nahezu allen Seiten ausgesetzt war. Diese haben sich die Herausgeber Armin Diel und Joel Payne zum großen Teil auch selbst zuzuschreiben, nicht zuletzt, weil sie bei der Zusammenstellung ihres Verkosterteams nur selten ein glückliches Händchen bewiesen. Einen entsprechend schlechten Eindruck hinterlässt bei mir daher auch die aktuelle Ausgabe. Doch lassen wir uns einige der zahlreichen Unstimmigkeiten langsam auf der Zunge zergehen, Anbaugebiet für Anbaugebiet.

Ahr

Im kleinen Rotweinparadies an der Autobahn zwischen Bonn und Koblenz haben viele Winzer in den vergangenen Jahren deutlich an Qualität zugelegt. Es ist offenkundig, dass die Früh- und Spätburgunder aus den Weinbergen zwischen Heimersheim und Altenahr immer mehr an Format gewinnen und sich inzwischen auch international behaupten können. Dennoch glaubt Gault-Millau-Verkoster Christoph Dirksen, den Winzen einige kritische Anmerkungen mit auf den Weg geben zu müssen: »Was macht denn einen wirklich großen Spätburgunder oder Pinot noir aus? Ist es nicht die belebende Frucht, die, ausgestattet mit innerer Dichte, die Eleganz und Delikatesse der Rebsorte erst zum Vorschein bringt? Benötigt man dazu Alkoholwerte von 14 Volumenprozent und mehr? Wir denken: Ganz sicher nicht. Die Winzer argumentieren, dass die physiologische Reife erst ab 13 Volumenprozent potenziellem Alkohol gegeben sei und erst dadurch reife Tannine dem Wein mitgegeben werden können. Dieser Sichtweise ist entgegenzustellen, dass sich einige gereifte deutsche Spätburgunder vom Anfang der 1990er Jahre etwa mit 12,5 Volumenprozent heute noch in ihrer schönsten Ausprägung zeigen, was zeigt, dass eben auch noch andere Komponenten im Wein qualitätsbildend sind.«

So sympathisch mir der Wunsch nach moderaten Alkoholwerten grundsätzlich auch ist, so muss bei allem Verständnis doch angemerkt werden, dass sich die klimatischen Verhältnisse im Ahrtal gänzlich von denen in anderen Landesteilen unterscheiden. Tatsächlich haben sich die leichteren Spätburgunder-Exemplare, die an der Ahr zu Beginn der 1990er Jahre entstanden sind, selten erfreulich entwickelt. Völlig zu recht wurde daher in der 1997er Ausgabe des Gault-Millau WeinGuide noch vermerkt: »[...] Selbst die besten Güter sind immer noch den Beweis schuldig geblieben, dass ihre Weine auch auf der Flasche reifen können.« Die Jahrtausendwende führte dann in vielen Weingütern zu einem Umdenken und einem merkbaren Anstieg der Qualität. Konsequente Ertragsreduktion und selektive Lese bescheren den Winzern seitdem nicht nur physiologisch hochreifes Lesegut, sondern auch potenzielle Alkoholwerte zwischen 13 und 14,5 Volumenprozent, die den inzwischen meist doch sehr passabel reifenden Weinen im allgemeinen gut zu Gesicht stehen und im internationalen Kontext keinesfalls unangemessen hoch erscheinen.

Doch welche Weingüter hat Christoph Dirksen überhaupt gemeint? Ein Blick in die Beschreibungstexte der einzelnen Erzeugerbetriebe zeichnet paradoxerweise ein gänzlich anderes Bild von den roten Ahr-Burgundern: »Die 2006er Gärkammer wirkt zwar stoffig, doch dies macht sie mit hocheleganter Pinotfrucht mehr als wett« (J. J. Adeneuer), »Vielschichtigkeit, Eleganz und Kraft« (Deutzerhof), »Zugänglichkeit durch weichere Frucht« (Jean Stodden), »Die Frühburgunder gehören alljährlich zu den feinsten des Gebiets« (Kreuzberg), »Typische Feinheit und Frische prägen das Geschmacksbild der 2006er« (Sermann-Kreuzberg).

Neben seiner Phantomkritik überrascht der gelernte Sommelier mit Bewertungen, die kaum geeignet sind, die Spitzenstellung des Jahrgangs 2006 an der Ahr hervor zu heben. Die besten Spätburgunder von Jean Stodden finden sich nur knapp auf dem Punkteniveau des schwächeren Vorjahres wieder, und in der Liste der zehn jahrgangsbesten Rotweine Deutschlands ist die Ahr kurioserweise nur mit zwei Spätburgundern vertreten. Absurder geht es kaum.

Immerhin hat Christoph Dirksen den Stilwechsel wahrgenommen, für den Marc Linden im Bad Neuenahrer Weingut Sonnenberg verantwortlich zeichnet. Warum dieser allerdings erst mit dem Jahrgang 2007 erfolgt sein soll, bleibt unklar. Tatsächlich verfügen bereits die Rotweine des Jahrgangs 2006 über ein stattliches Tanningerüst. Im vergangenen Jahr stellte Dirksen auch treffend fest: »Der Premierenjahrgang 2006 des jungen Winzertalents lässt sich gut an. Zur klassisch klaren Frucht gesellt sich feinkörniges Tannin, was den Weinen eine eigenständige Eleganz verleiht. Weiter so!« Und weil es 2007 völlig überraschend tatsächlich so weiter ging, sind die Gerbstoffe plötzlich zu viel des Guten: »Die Weine weisen ein hohes Maß an Tanninen auf, wohl zuviel für die vorhandene Frucht.« Eine Kritik, die sich Marc Linden für seinen Spätburgunder »Tradition« in der Tat anziehen muss, die jedoch keineswegs pauschal auf die gesamte Kollektion übertragen werden darf. Erst kürzlich konnte die Neuenahrer Schieferlay Spätburgunder Spätlese trocken in einer Blindverkostung mit ihrer fruchtbetonten Eleganz, seidigen Tanninen und einem moderatem Alkoholgehalt von 13,5 Volumenprozent überzeugen. Für einen solchen Wein hätte Christoph Dirksen gerne auch mehr als 85 Punkte vergeben können, kommt er doch dem von ihm selbst beschriebenen Ideal eines Spätburgunders bedrohlich nahe.

Nebenbei: Ein mit untypischen Alterungsnoten belasteter Weißwein sollte nicht mit über 80 Punkten bewertet werden.

Baden

Gerade so, als hätte der Grad der Restsüße etwas mit der Qualität zu tun, setzen sich Dr. Steffen Maus und Otto Geisel missionarisch für den trockenen, »durchgegorenen« Wein ein. Die Folgen ihres Kreuzzuges gegen vermeintliche Fructosebefürworter bekommt in diesem Jahr vor allem das Pfaffenweiler Weinhaus zu spüren. Könnte die im vergangenen Jahr erfolgte Abstufung des Betriebes von drei auf zwei Trauben, also von »sehr gut« auf »gut«, noch mit minder schweren Bauchschmerzen unter konsolidierenden Gesichtspunkten nachvollzogen werden, so fehlt mir nun für die Abwertung auf eine Traube (»zuverlässig«) jegliches Verständnis. »Wir fanden durchgängig der Süße zuviel, die in diesem Jahrgang der Feinfruchtigkeit abträglich war«, heißt es hierzu oberflächlich und wenig plausibel im Begleittext. Besonders muss der mustergültigen Sauvignon blanc Auslese die Fruchtsüße im Weg gestanden haben, war sie doch den Verkostern trotz ihrer Feinfruchtigkeit und Sortenreinheit gerade einmal 88 Punkte wert.

Vor allem im Weißweinbereich, nicht zuletzt auch beim immer wichtiger werdenden Sauvignon blanc, sind die Fortschritte der Pfaffenweiler Winzer bei hinreichend sachkundiger Betrachtung kaum zu übersehen. Nach welchen Gesichtspunkten die Herren Maus und Geisel tatsächlich geurteilt haben, liegt jedenfalls völlig im Dunkeln. Doch wäre es in der Geschichte des Gault-Millau WeinGuide nicht das erste Mal, wenn nun auch hier die Weinbewertungen auf einer gänzlich anderen Basis als der Qualität im Probierglas vorgenommen würden.

Daneben verzeichnet das Baden-Kapitel noch weitere bizarre Fehltritte. Dem Weingut Dr. Heger schreiben die Autoren ins Stammbuch: »Uns ist nicht entgangen, dass die Weine seit einiger Zeit nicht mehr das Format etwa der 90er Jahre haben, als Joachim Heger mit seinen Burgundern die Spitzenreiterlisten fast alleine füllte. Jene dichten, oft vom neuen Holz geprägten Hitlisten-Stürmer haben Platz gemacht für mehr Weine mit Schliff und Eleganz.« Klarer hätten die Verkoster ihre persönliche Geschmackspräferenz nicht zum Ausdruck bringen können: Ein Wein hat erst dann Format, wenn ihm mit viel Holz zu Leibe gerückt und jegliche Eleganz im Keim erstickt wurde. Die Umbennung des Gault-Millau WeinGuide in »The Rocky Horror Wine & Wood Show« muss unmittelbar bevor stehen.

Eine ganz andere Frage dürfte derzeit Reinhold Schneider in Endingen umtreiben. Sein mit 93 Punkten bewerteter 2006er Spätburgunder *** —R— »Parzelle Schönenberg« fehlt nämlich in der Bestenliste, obwohl bundesweit nur fünf Rotweine besser abschnitten und eine Reihe gleichwertiger Weine in der Liste aufgeführt werden. Frei nach George Orwell gilt für den Gault-Millau WeinGuide offenbar der Satz »Alle 93-Punkte-Weine sind gleich, aber manche sind gleicher.«

Franken

Mathias Emmert ist Sommelier der MS Europa und durfte Rudolf Knoll diesmal bei der Verkostung der Weine Frankens assistieren. Einen mäßigenden Einfluss auf die kruden Bewertungen des Altmeisters konnte ich allerdings nicht erkennen, so dass ich meine grundsätzliche Kritik aus dem Vorjahr unverändert fortschreiben muss.

Hessische Bergstraße

In der Aufzählung der 13 deutschen Anbaugebiete wird die Hessische Bergstraße gerne einmal vergessen. So verwundert es auch nicht, dass es offiziell niemanden gibt, der für den Gault-Millau WeinGuide die Weine der Region verkostet. Bewertet werden die Weine und ihre Erzeuger dennoch. Und wie! Bereits im Sommer hatte ich mich irritiert über die angeblich durch Kunststoffstopfen verursachten Fehltöne bei den 2006ern geäußert. Vor Ort habe ich dann überwiegend junge Weine des Jahrgangs 2007 getrunken, die zwar nicht groß waren, sich jedoch trotz Kunststoffverschluss durch die Bank reintönig präsentierten. Nun will der anonyme Verkoster und Naturkorkfetischist auch bei vielen 2007ern Geschmacksbeeinträchtigungen durch den von ihm fälschlich als »Plastikzapfen« bezeichneten Verschluss wahrgenommen haben …

Mittelrhein

Ob die Spitzenbetriebe am Mittelrhein wirklich zur deutschen Spitze gehören, ist Ansichtssache. Unbestritten ist hingegen, dass Matthias Müller schon seit Jahren zu den besten Winzern zwischen Königswinter und Trechtingshausen zählt. Dass ihn Hans-Jürgen Podzun dieses Jahr als Aufsteiger in die Vier-Trauben-Kategorie sieht, wird den bescheidenen Matthias Müller freuen. Ich gönne es ihm, finde es aber merkwürdig, dass sich Podzun erst jetzt zu diesem Schritt genötigt sah. Ob hier nicht doch der 2007 erfolgte Beitritt zum VDP das Zünglein an der Waage war?

Mosel-Saar-Ruwer

Bereits seit mehreren Jahren scheint der gebürtige Kölner Dr. Peter Henk die Verkostungen für den Gault-Millau WeinGuide mit einer Karnevalssitzung zu verwechseln. Ihm zur Seite steht seit kurzem der Alzeyer Gynäkologe Dr. Eckhard Kiefer, von dem allerdings nicht bekannt ist, ob er neben dem Prinzen Henk die Rolle des Bauern oder der Jungfrau einnimmt. Nichts gegen rheinischen Frohsinn, jedoch haben viele der von den beiden Doktores veröffentlichten Weinbewertungen und Erzeugerrezensionen noch nicht einmal das Niveau einer schwachen, auswendig gelernten und heruntergeleiert vorgetragenen Büttenrede im Kinderkarneval.

Nachdem Dr. Henk vor zwei Jahren die nicht ernst zu nehmende Auffassung vertrat, im Weigut von Markus Molitor sei 2005 »vereinzelt … wohl der beste Lesezeitpunkt verfehlt worden«, und im Folgejahr, erstmals unterstützt von seinem »rheinhessischen Pendant«, über »opulente, substanzreiche Rieslinge, denen mitunter das feine Moselspiel fehlt« schwadronierte, nutzte der von dieser unerträglichen Unkenntnis geschlagene Winzer die Gelegentheit, seine 2007er Kollektion persönlich vorzustellen. Doch scheint er, wie die wenig mit der Realität korrespondierenden Weinbewertungen belegen, mit seinen Erklärungen bei Dr. Henk auf einen besonders hartnäckigen, uneinsichtigen und unbelehrbaren Gralshüter des alten »Kölner Grundgesetzes« (Artikel 6: »Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.«) gestoßen zu sein. In diesem Zusammenhang kann es kaum verwundern, dass diverse infantile Albernheiten gebetsmühlenartig Jahr um Jahr ihre völlig sinnfreie Wiederholung erfahren. Für das ständige Lamentieren wegen später Flaschenfüllung und wegen einer in einem fast 50 Hektar großen Erzeugerbetrieb nicht wirklich unerwartet hohen Zahl an Einzelfüllungen kann ich keinerlei Verständnis aufbringen. Da hätten beide Verkoster lieber einmal richtig hingeschmeckt und Markus Molitor endlich die seit langem wohlverdiente fünfte Traube verliehen — auch wenn er dann der einzige Nicht-VDP-Betrieb mit dieser Auszeichnung wäre.

Wie leicht es dagegen Weingüter haben, die Mitglied im Verband sind, zeigt eindrucksvoll das Beispiel von Dr. Loosen. Im (freien) Fall des angeblichen Weltklasseerzeugers dauerte es fast eine Dekade, bis sich die Verkoster in diesem Jahr zu ersten kritischen Stimmen durchringen konnten: »Von 2006 blieben vor allem einige große Auslesen in Erinnerung. Der Rest der Kollektion hatte bereits nicht mehr das Format der frühen Jahre, und so ist es auch in 2007. Die Kabinettweine überzeugen nicht, auch die Spätlesen sind für einen Fünf-Trauben-Betrieb deutlich zu schwach.« Eifrig wurde dagegen im Vorjahr noch versucht, kritische Bermerkungen möglichst unter der Decke zu halten und die qualitativen Schwächen im Sortiment mehr oder weniger geschickt zu umschiffen, sprich: sie tunlichst nicht zu erwähnen. Dies las sich seinerzeit noch so: »Die [2005er] Trockenbeerenauslesen gehörten zu Deutschlands Spitze. Eine solch breite Phalanx an Ausnahmeweinen gelang Loosen in 2006 zwar nicht, doch die Reihe feiner Spätlesen, vor allem aber seine unnachahmlichen Auslesen ließen erneut Beifall aufkommen. Mehrere dieser Weine landeten in den Hitlisten der jeweils besten Vertreter ihrer Kategorie.« Tusch und dreifach »Kölle Alaaf«!

»Die trockenen und feinherben Weine durchzieht bei aller Fülle und Substanz eine Strenge, die wir uns nicht erklären können«, lautet die Kritik der Verkoster an der Kollektion von Reinhard & Beate Knebel in Winningen. »Hoffen wir auf einen einmaligen Ausrutscher.« Von wem? Der trockene Basis-Riesling und die feinherbe Riesling Spätlese »Alte Reben« aus dem Winninger Brückstück sind exzellent.

Clemens Busch, der auch in diesem Jahr wieder mit Höchstnoten für seine edelsüßen Rieslinge bedacht wurde (96 Punkte für eine Beerenauslese Goldkapsel sowie 99 Punkte für eine Trockenbeerenauslese), stagniert weiterhin bei drei Gault-Millau-Träubchen. Grund hierfür dürfte sein, dass »uns die mächtigen, hefegeprägten ›Großen Gewächse‹ und feinherben Spitzenweine etwas ratlos gemacht« haben. Merke: Große Rieslinge sind für den offenen Ausschank bei Karnevalssitzungen ungeeignet.

Heinz Welter-Später, der das Weingut Später-Veit in Piesport führt, hat in den vergangenen Jahren nicht nur mit seinen Rieslingen, sondern auch mit seinen Spätburgundern, die inzwischen zur Gebietsspitze gehören, auf sich aufmerksam gemacht. Immerhin finden Dr. Henk und Dr. Kiefer, dass »letztere … hier beachtlich ausfallen« können. Ansonsten haben ihre Bewertungen wenig mit den hier erzeugten, in aller Regel sehr guten Weinen zu tun. Der trockene Riesling Kabinett »Alte Reben«, eigentlich mit dem Format einer Spätlese, verdient ebenso Lob, wie die fruchtsüße Riesling Spätlese aus dem Piesporter Goldtröpfchen. Der Betrieb hat deutlich mehr als nur eine Traube verdient.

Eine Traube — das Weingut Berweiler-Merges hätte sie schon lange erhalten müssen. Stattdessen muss sich Sandra Berweiler vorläufig mit der Einstufung als »weiterer empfehlenswerter Betrieb« zufrieden geben. Wegen angeblich zu hoher Erträge. Wenn niedrigere Erntemengen woanders ebenso konsequent eingefordert würden …

Dass im Gault-Millau WeinGuide häufig mit zweierlei Maß gemessen wird, zeigt einmal mehr der Fall des Weinguts Ludwig Thanisch & Sohn in Lieser. Mit dem aktuellen Jahrgang hat Jörg Thanisch eine Kollektion vorgestellt, die es spielend mit den meisten Drei-Trauben-Betrieben aufnehmen kann. Doch auch er wird von unseren angeheitert feiernden Karnevalsjecken an der kurzen Leine geführt. Wie im vergangenen Jahr korrespondiere »der elegante Auftritt dieses Lieser Weinguts … noch nicht in jedem Fall mit der Qualität der Weine», heißt es. Zum Glück für Jörg Thanisch sahen das dieses Jahr viele wesentlich kompetenter verkostende Weinfreunde völlig anders. Und was die angeblich »dünnen trockenen Weine« angeht, so empfehle ich Dr. Henk und Dr. Kiefer rechtzeitig vor der nächsten Karnevalssession die Teilnahme an einem Sensorikseminar, und zwar dringend. Die Telefonnummer von Markus Molitor steht auf Seite 352. Aber bitte diesmal gut aufpassen und nicht dazwischenquatschen!

Nahe

Noch vor einem halben Jahr habe ich mit dem für die Nahe zuständigen Verkoster, Carsten Henn, über die Einstufung des Weinguts Hermann Dönnhoff als Fünf-Trauben-Betrieb diskutiert. Hier kann ich ihm auch nach der Verkostung einer Reihe von 2007ern nicht folgen, obwohl hier gegenüber den schwachen Vorjahren wieder eine Steigerung erkennbar ist. Warum die nur mittelprächtige Riesling Spätlese aus der Niederhäuser Hermannshöhle bei 92 Punkten landete, während das überragende Pendant von Emrich-Schönleber aus dem Monziger Halenberg — für mich eine der schönsten Spätlesen des Jahrgangs in ganz Deutschland — sich mit 91 begnügen musste, will sich mir nicht erschließen.

Pfalz

Die Frage, ob Jürgen Mathäß mit Matthias Mangold endlich der überfällige Anstandswauwau oder lediglich ein schwanzwedelndes Schoßhündchen zur Seite gestellt wurde, lässt sich prinzipiell bereits mit einem schnellen Blick auf die Bestenliste der deutschen Rotweine beantworten. Zum sechsten Mal im Folge stellt Friedrich Becker aus Schweigen den besten Spätburgunder des Landes. Bei allem Respekt vor dem Winzer — aber das ist nun wirklich nicht mehr glaubhaft und grenzt an Peinlichkeit. Oder verstehe ich den künstlerischen Anspruch hinter dem lokalpatriotischen Protegiergehabe nicht zur Gänze? Folgt auf Peter Handkes »Publikumsbeschimpfung« nun vielleicht die Mathäß’sche »Leserverarschung«?

Rheingau

Ganz und gar unschlüssig erscheinen mir im Gebietskontext die Bewertungen der Rheingauer Weine. Als hätten Kai Schattner und Jan Buhrmann nicht den Hauch einer leisen Ahnung, wie sich zurechtgestylte Allerweltsweine von großen Charakterdarstellen unterscheiden. Letztere haben es schon mal schwer, selbst wenn es sich um ausnahmsweise einmal gelungene »Erste Gewächse« handeln, wie etwa die von Domdechant Werner, die 2007 bemerkenswert ausfielen, an den gelungenen 2005er Jahrgang anknüpfen und durch die Bank zu niedrig bewertet wurden. Dagegen erstaunt mich das gute Abschneiden von so manchem kuriosen »Erbslöh-Nebenprodukt« doch sehr.

Rheinhessen

Rheinhessen ist en vogue. Dennoch muss ich hier meine prinzipielle Kritik aus dem Vorjahr wiederholen und tue dies in unverändertem Wortlaut: »Ein aus psychologischer Sicht hochinteressantes Phänomen ist die Affenlieber deutscher Weinkritiker zu den Winzern des rheinhessischen Wonnegaus. Hier liegen — anders als in den traditionsbeladenen nördlichen Anbaugebieten — die Neuentdeckungen, mit denen sich selbst völlig ahnungslose Lokalredakteure profilieren können, auf der sprichwörtlichen Straße. Anders als an Ahr, Mosel (ehem. Mosel-Saar-Ruwer) oder im Rheingau gibt es so gut wie keine Weine, die abseits des Mainstreams auf den unerfahrenen Verkoster lauern, um ihm Verständnisschwierigkeiten zu bereiten. Dass ein Großteil der Wonnegauer Weinerzeugnisse mit zunehmender Reife nicht besser wird, ist dem modernen Verbraucher, der Wein nur noch nach dem Prinzip eines Durchlauferhitzers konsumiert, ohnehin völlig gleichgültig. Wenn Manfred Luer, der über die Weine des Anbaugebiets Rheinhessen zu urteilen hatte, bei einem trockenen ›Großen Gewächs‹ eine Trinkprognose bis in das Jahr 2014 stellt, hat diese Aussage keinerlei Relevanz, weil es ohnehin niemanden interessiert. Genauso wenig wie die Tatsache, dass an der Rheinfront zwischen Oppenheim und Nackenheim eine alte Weinkultur, die Luer aber anscheinend nur am Rande zur Kenntnis nimmt, langsam wieder erwacht. Einen Betrieb wie Heinrich Braun, der einen im besten Sinne konservativen Stil pflegt und seine Weine in der Regel spät und nicht auf Zuruf diverser Journalisten abfüllt, schlicht zu übergehen, grenzt schon an Ignoranz. Ebenso hätte auch Dr. Karl W. Heyden längst den Einzug in die Traubenliga verdient.«

Kommentare

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Bisher 5 Kommentare
  1. xXx schrieb am 9. Dezember 2008 um 20:07 Uhr:

    Beckers Pinot noir hat im Gault-Millau 95 Punkte und im Eichelmann 85. Allein dieser Wein zeigt schon, wie lächerlich sich die Weinführer derzeit machen. Auch ich hätte gerade in 2006 einen Ahr-Burgunder ganz vorne gewettet, aber irgendwie fehlt denen wohl ein Ahr-Mathäß …

  2. Sigbert Frisch schrieb am 11. September 2009 um 20:04 Uhr:

    Die in diesem Blog geäußerten Kommentare gegen die Weine von Dr. Loosen sind geradezu boshaft und beim besten Willen nicht nachzuvollziehen, ebenso wie die an anderer Stelle geäußerte Diffamierung, wer Dr. Loosens Weine gut finde, sei »Hofberichterstatter« — absolut widerlich! Der Blogger Elflein hat wohl keine Gratisprobe bekommen …

  3. Werner Elflein schrieb am 11. September 2009 um 21:08 Uhr:

    Sehr geehrter Herr Frisch,

    mit der Formulierung, meine Kommentare seien »nicht nachvollziehbar«, lehnen Sie sich ein wenig sehr weit aus dem Fenster. Ich kann Ihnen versichern, dass meine Meinung zu den Weinen von Dr. Loosen von nicht wenigen Weinfreunden geteilt wird. Und die wiederum können meine Aussagen durchaus in allen Punkten nachvollziehen.

    Gratisproben erhalte ich übrigens höchst selten. Wenn Sie glauben, ich ließe mich derart billig bestechen, tun Sie mir leid.

    Mit freundlichen Grüßen
    Werner Elflein

  4. Sigbert Frisch schrieb am 12. September 2009 um 16:11 Uhr:

    Sehr geehrter Herr Elflein,

    dass Ihnen die Weine von Dr. Loosen nicht schmecken, ist Ihr gutes Recht. Darüber zu schreiben wäre konstruktiv und erhellend. Aber Sie lassen keine Gelegenheit aus, gegenüber dem Erzeuger (und nicht nur an dieser Stelle) einen hämischen und boshaften Ton anzuschlagen, der ins Persönliche geht, wenn Sie etwa Loosens rhetorische Fähigkeiten mit denen des Fußballers Lukas Podolski vergleichen. Leider ist die Ebene der persönlichen Diffammierung und die der Weinkritik bei Ihnen nicht sauber getrennt — deshalb ist Ihre Weinkritik in Bezug auf Dr. Loosen nicht seriös.

    P.S. Sie wollen sich nicht »billig bestechen« lassen? Dann doch eher teuer: Denn billig sind die Weine von Dr. Loosen meines Wissens nicht.

    Mit freundlichen Grüßen
    Sigbert Frisch

  5. Werner Elflein schrieb am 12. September 2009 um 17:03 Uhr:

    Sehr geehrter Herr Frisch,

    Ihre Meinung zu diesem Thema nehme ich zur Kenntnis. Es gibt für mich keinen Grund, die Diskussion mit Ihnen weiter zu vertiefen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Werner Elflein

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